Alexandra Nebenführ

Pflege ist wie eine Bergtour

Erstellt am 05.02.2026

Zwischen Liebe und Last – wenn Töchter pflegen

Es gibt Tage in der Pflege da fühlt sich alles schwer an. Nicht nur im Kopf auch im Herzen und manchmal sogar im Körper. Wenn ich Frauen begleite die ihre Eltern pflegen spreche ich oft von einem inneren Berg. Denn Pflege ist keine Ebene. Pflege ist ein Aufstieg. Und wer schon einmal einen Berg bestiegen hat weiß wie sehr ein guter Atem und ein leichter Rucksack helfen.

Viele Frauen die ich begleite sind Töchter die aus Liebe und Verbundenheit in die Pflege hineinwachsen. Anfangs sind es kleine Wege, ein Einkauf,  ein Termin,  ein Gartenzaun der gestrichen werden muss. Doch irgendwann wird dieser Weg steiler. Es kommt immer mehr dazu. Und plötzlich ist man längst nicht mehr nur Tochter ist, sondern auch gleichzeitig Pflegerin und Managerin der Familienlogistik. Und mitten in diesem dichten Alltag spürt man es. Das eigene Leben läuft irgendwie nebenher.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Die Schuldgefühle gegenüber den eigenen Kindern, dem Partner, Freunden. Die Sorge etwas falsch zu machen. Der Ärger über die vielen Erwartungen. Und die Trauer darüber, dass die Eltern schwächer werden. Das sind viele Gefühle in einem einzigen Rucksack. Kein Wunder, dass er irgendwann drückt.

In der Pflege reden wir selten darüber wie viel wir tragen. Wir reden über Verantwortung, über Pflicht, über Liebe. Aber kaum darüber wie sehr all das miteinander verflochten sein kann. 

Denn als Kind wünschen wir uns Nähe und Anerkennung. Als Pflegende müssen wir Entscheidungen treffen die nicht immer beliebt sind. Eine leise Rollenumkehr beginnt und das ist emotional eine große Sache.

An diesem Punkt höre ich oft den Satz: Für Selbstfürsorge habe ich keine Zeit. Doch genau hier wird sie wichtig. Nicht als Wellness Idee. Nicht als Luxus. Selbstfürsorge ist ein Sicherheitsseil. Ohne Pausen und Unterstützung oder Seil wird jede Bergtour gefährlich. Ohne Atem bleibt niemand lange auf den Beinen.

Wenn wir beginnen gut für uns selbst zu sorgen entsteht etwas Beruhigendes. Der Rucksack wird leichter. Wir sehen wieder klarer. Wir erkennen welche Aufgaben wirklich unsere sind. Was wir aus Liebe übernommen haben. Was uns jemand stillschweigend zugetragen hat. Und wo wir uns Hilfe holen dürfen

Und dann gibt es diesen Moment den viele meiner Klientinnen erleben. Eine Art innerer Gipfel. Man sieht zurück auf den Weg und all die Herausforderungen. Und man sieht gleichzeitig den Wert der eigenen Fürsorge. Selbstfürsorge ist kein Egoismus, sondern sie ist ein Akt der Liebe.  Denn nur wer selbst Kraft hat kann Kraft geben.

Der Abstieg ins Tal ist nie das Ende. Es ist der Alltag der wieder anfängt. Doch mit einem leichteren Rucksack lässt er sich besser gehen. Vielleicht nimmst du aus dieser kleinen gedanklichen Wanderung etwas mit. Eine Erinnerung an deinen Wert. Einen Funken Mut. Die Erlaubnis dich selbst wichtig zu nehmen.

Ich wünsche dir Menschen die mitgehen, Orte zum Durchatmen und Momente in denen du den Ausblicke genießen kannst. 

Alexandra steht im Wald und lächelt während sie leicht nach oben blickt.

Alexandra Nebenführ